Dein Sitz ist eine Vorhersage. Dein Kleinhirn rechnet aus, wie dich die nächste Bewegung deines Pferdes trifft, bevor sie kommt, und stellt Rumpf, Blick und Hand schon darauf ein. Stimmt die Vorhersage, gehst du mit. Stimmt sie nicht, sitzt du hinter der Bewegung, deine Hilfe kommt einen Moment zu spät, und dein Körper hält sich fest. Das Kleinhirn lernt aus jedem dieser Momente. Was ihm dabei hilft, testest du in fünf Minuten.
Du sitzt zum ersten Mal auf einem fremden Pferd. Im Schritt geht es. Im Trab findest du den Rhythmus nicht, beim Leichttraben bist du jedes Mal einen Moment zu spät oben. Im Galopp sitzt du hinter der Bewegung, und deine Hand macht Dinge, die du nicht willst. Nach zwanzig Minuten wird es besser, ohne dass du bewusst etwas geändert hast.
Auf deinem eigenen Pferd kennst du das auch. Es ist frisch, es scheut, oder es wird in der Wendung plötzlich schneller. Für einen Moment bist du raus.
Das ist kei...
Dein Sitz hängt an deinem Atem. Das Zwerchfell ist dein Atemmuskel und gleichzeitig ein Haltemuskel für den Rumpf. Hältst du bei einer schwierigen Lektion die Luft an oder atmest hektisch, wird dein Rumpf fest. Genau dann soll dein Becken mit dem Pferd mitgehen. Continuous Breathing heißt: Du atmest unter Bewegung ruhig weiter, ohne Pressen und ohne Abatmen. Welche Atmung deinen Sitz freier macht, testest du in fünf Minuten.
Du reitest auf die Diagonale, gleich kommt der Galoppwechsel oder die Verstärkung. Irgendwo zwischen Ecke und Hilfe hältst du die Luft an. Dein Bauch wird hart, die Schultern gehen ein Stück nach oben, das Becken klebt im Sattel. Dein Pferd spürt jeden dieser Punkte. Hinterher sagst du: „Ich war zu fest.“ Dass du nicht geatmet hast, merkst du oft erst beim Durchparieren, wenn du tief Luft holst.
Das ist kein Konzentrationsfehler. Dein Nervensystem hat entschieden, den Rumpf festzumachen. Und das Werkzeug dafür ist...
Angst im Galopp ist eine Schutzreaktion deines Nervensystems, keine Charakterschwäche. Dein Gehirn schätzt aus drei Quellen ein, wie sicher du gerade bist: aus deinen Augen, deinem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und dem Körpergefühl aus Muskeln und Gelenken. Sind diese Daten im Galopp unscharf, schaltet es auf Schutz: Du wirst fest, der Atem wird flach, der Blick eng. Deshalb hilft „entspann dich" so selten. Wirksamer ist, die Daten zu verbessern, und ob ein Drill das für dich tut, kannst du in fünf Minuten testen.
Du reitest im Trab durch die Ecke, die Hilfe zum Angaloppieren ist schon im Kopf. Und genau dann passiert es: Die Schultern gehen ein Stück nach oben, die Hand wird fest, die Knie suchen Halt am Sattel. Du hast nichts davon entschieden. Dein Pferd merkt es trotzdem, wird spannig oder fällt unruhig in den Galopp, und dein Nervensystem fühlt sich bestätigt.
Wenn du das seit Jahren kennst, obwohl du weißt, wie die Hil...
Wenn wir Menschen von einer vermeintlichen oder tatsächlichen Gefahr bedroht werden, reagiert unsere Amygdala. Eine komplexe Reaktion des sympathischen autonomen Nervensystems folgt. In diesem Zustand verdrängt reduktionistisches binäres Denken die Nuancierung: Diese Verarbeitung schaltet Möglichkeiten und kritisches Denken aus und vereinfacht unsere Optionen für schnelle Entscheidungen und Nicht-Handeln oder Handeln. Sind wir in Sicherheit oder in Gefahr?
Dieser Zustand ist aus evolutionärer Perspektive durchaus hilfreich, er kann aber auch von manipulativen Kräften zur Kontrolle und Machtausübung missbraucht werden. Meiner Erfahrung und Überzeugung nach kann man seinen Geist und Körper so trainieren, dass man nicht so schnell in einen sympathisch dominierten Zustand abgleitet. Durch kognitive Übungen, zum Beispiel dem Visualisieren hypothetischer Szenarien, kann man sich auf ein tatsächliches Ereignis in der Zukunft vorbereiten – jeder Leistungssportler kennt das aus dem mentalen Tr...
Und täglich grüßt das Murmeltier
Vielleicht kennst Du Situationen wie diese:
Sie hört auf zu atmen, viel zu viele Muskeln spannen sich viel zu viel oder viel zu wenig an. Das Herz schlägt schneller als eigentlich nötig. Blut schießt in ihren Kopf, sie fängt an zu schwitzen. „Jetzt klappt es.“ denkt sie. „Es muss doch schließlich endlich mal klappen. Verdammt.“ Sie weiß, wo der Fehler liegt. Sie weiß, was sie tun sollte und wie es theoretisch funktionieren würde. Sie will die Absätze tief halten, aber ihre Füße machen nicht das, was sie sollten. Die Wechselhilfen kommen zu spät. Die Hände wandern nach oben, der Kopf ist schief, die Schultern auch. Aber das spürt sie nicht. Manchmal gelingt es ihr für kurze Zeit genau das zu tun, was sie will, aber sobald die Aufmerksamkeit zu einem anderen Detail der Bewegung wandert, oder gar zum Pferd, ist der alte Fehler wieder da. Sie schafft es nicht. Dieses Mal auch nicht. Es ist spät und sie muss noch das Pferd versorgen, nach Hause fahr...
System 1: Propriozeption – „Wenn wir spüren, was wir tun, können wir tun, was wir wollen“ (Moshe Feldenkrais)
(von lateinisch proprius ‚eigen‘ und recipere ‚aufnehmen“)
Der propriozeptive Sinn macht es uns möglich zu spüren, wo sich unsere Körperteile befinden – in Beziehung zu einander und im Raum –, ohne dass wir sie berühren oder sehen. Das hilft uns, Körperbewegungen zu planen und auszuführen, ohne dauernd mit dem visuellen Sinn zu kontrollieren, was unsere Körperteile tun. Man kann den propriozeptiven Sinn spüren, wenn man mit geschlossenen Augen die Arme seitlich ausstreckt und dann mit dem rechten Zeigefinger zuerst die Nase und dann den linken Daumen berührt. Anfangs trifft man vielleicht noch leicht daneben, aber der Erfolg stellt sich schon nach kurzem Üben ein. Der propriozeptive Sinn hängt eng mit dem Tastsinn zusammen.
Sogenannte Propriozeptoren – also Rezeptoren, die der Propriozeption dienen – befinden sich in Muskeln und Gelenken über den ganzen Körper verteilt. Si...
Warum Gehirnerschütterungen unentdeckt bleiben und unterschätzt werden!
Bam! Ein Sturz. Die zwei Pfund Gelee in deinem Kopf schleudern wie ein Pudding in der Schüssel hin und her. Auch ein Schlag oder Sturz auf die Brustwirbelsäule kann schon ausreichen. Danach ist die Gehirnfunktion manchmal kurz gestört.
Obwohl Symptome vorhanden sind, zeigen bildgebende diagnostische Verfahren wie Computertomographie oder Magnetresonanztomographie in der Regel aber keine Befunde. Das tückische: Eine Kettenreaktion an Stoffwechselreaktionen und Entzündungen bringt das Gehirn in eine Energiekrise, die mehrere Wochen anhalten kann. Die Folge: Das Gehirn verändert sich, langsam, so langsam, dass der Betroffene die Symptome nicht mehr mit der Gehirnerschütterung in Verbindung bringt.
Seltsame Dinge beginnen zu passieren – und Du weisst nicht, warum…
Die Symptome sind vindividuell anders ausgeprägt.
Vielleicht bist Du bist Du immer müde. Vielleicht geht Dein Puls ruckzuck durch die Decke und Deine A...
Trainer, Therapeuten, Klienten, Patienten und Kunden lieben Pläne und Protokolle. Das Internet ist voll davon. Sinnvoll. Sinnlos. Teuer, for free. Für Muskelaufbau, Kraft, Sprungkraft, Reiterfittness, Beweglichkeit, Ausdauer, Gicht, MS, Demenz, Kreuzbandriss. Die beste Übung bei Knieschmerz, Schulterschmerz, Bauchschmerz. Ernährungspläne zur Fettreduktion, gegen Entzündungen, gegen ADHS. Sixpack gibts ab drei Wochen, Sexy-Bikinifigur ist ab sechs Wochen im Abgebot, Schmerzfrei in drei, fünf Kilo runter gibt’s an jeder Ecke in drei Wochen. Überall vorher-nacher Bilder. Als ob man die nicht faken würde. Wer glaubt an sowas? Im Reitsport gibt’s das auch. Weniger radikal, okay. Aber: die „Grundausbildung für Reiter und Pferd“ zeigt beispielsweise zwar das „Leitbild“, die korrekte Ausführung. Für den Weg dorthin gibt’s keine Infos. Das ist immerhin seriös – hilft aber auch nicht wirklich weiter.
Ich weiß, du willst am liebsten einen Plan, um deine Probleme zu lösen. Alle wollen Pläne. V...
Wie können wir Schmerz reduzieren, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit verbessern sowie Bewegungsqualität erhöhen – und somit natürlich auch einfach besser reiten?
Bei Neuro-Rider reden wir davon, dass zuerst einige ‚Bremsen‘ gelöst und so Deine unbewusste Wahrnehmung von ‚Sicherheit‘ erhöht werden sollte – klingt merkwürdig, wird Dir aber am Ende diese Blogs hoffentlich klarer... und auch, welche wichtige Rolle unter anderem guter Schlaf dabei spielt!
Um unser Überleben zu sichern, stellt unser Gehirn permanent Prognosen über den nächsten Moment an. Dazu benutzt es die Daten, die ihm alle Sinnesrezeptoren schicken. Diese Daten werden dann integriert, also verarbeitet, miteinander verglichen. Das Gehirn checkt, ob sie auch zueinander passen, ob sie ‚matchen‘. Wenn alles passt, kann das Gehirn eine gute Vorhersage erstellen und wenn die Vorhersage positiv ist, das Gehirn also meint, dass wir ‚sicher‘ sind, produziert es einen guten Output. Also zum Beispiel eine schmerzfreie und prä...
Du kommst auf die Welt und kannst – fast nichts. Reflexe steuern Dich und ermöglichen dein Überleben. Schlucken, Atmen, die Brust finden, Klammern, den Kopf heben, drehen und greifen – alles passiert automatisch, nichts durch Willenskraft. In den ersten sieben Lebensjahren lernst du nach und nach, Deinen Körper samt Deiner Umwelt immer besser wahrzunehmen. Du lernst, Dich aufzurichten und deine Bewegungen zweckgerichtet einzusetzen. Du lernst, was Geräusche bedeuten und lernst zu sprechen. Durch Umgang mit allerlei möglichen Spielzeugen, Möbelstücken, Essbesteck und allen Dingen, die Dich umgeben, lernst Du die Gesetzte der Physik kennen und wie Du Dich mit anderen Menschen verständigen kannst.
Später, während du in großer Menge vielfältige Bewegungserfahrungen sammelst, bilden sich einige Reflexe langsam zurück. Die frühkindlichen Reflexe brauchst Du nun nicht mehr. Dein Nervensystem ist reifer geworden. Es ist dazu in der Lage, die Umwelt aufzunehmen, zu verstehen was passiert und a...