Dein Sitz hängt an deinem Atem. Das Zwerchfell ist dein Atemmuskel und gleichzeitig ein Haltemuskel für den Rumpf. Hältst du bei einer schwierigen Lektion die Luft an oder atmest hektisch, wird dein Rumpf fest. Genau dann soll dein Becken mit dem Pferd mitgehen. Continuous Breathing heißt: Du atmest unter Bewegung ruhig weiter, ohne Pressen und ohne Abatmen. Welche Atmung deinen Sitz freier macht, testest du in fünf Minuten.
Du reitest auf die Diagonale, gleich kommt der Galoppwechsel oder die Verstärkung. Irgendwo zwischen Ecke und Hilfe hältst du die Luft an. Dein Bauch wird hart, die Schultern gehen ein Stück nach oben, das Becken klebt im Sattel. Dein Pferd spürt jeden dieser Punkte. Hinterher sagst du: „Ich war zu fest.“ Dass du nicht geatmet hast, merkst du oft erst beim Durchparieren, wenn du tief Luft holst.
Das ist kein Konzentrationsfehler. Dein Nervensystem hat entschieden, den Rumpf festzumachen. Und das Werkzeug dafür ist auch dein Atemmuskel.
Das Zwerchfell hat zwei Jobs. Es atmet, und es stabilisiert. Hebst du schnell den Arm, spannt es rund 20 Millisekunden vorher an, egal in welcher Atemphase du gerade bist (Hodges 1997). Bei schnellen, wiederholten Armbewegungen arbeitet es gleichzeitig im Rhythmus der Atmung und im Rhythmus der Bewegung, auch im Sitzen (Hodges 2000).
Steigt der Atemdruck, verliert der Rumpf Halt. Braucht der Körper mehr Luft, fahren Zwerchfell und der tiefe Bauchmuskel ihre Haltearbeit zurück (Hodges 2001). Die Atmung hat Vorrang.
Im Sitzen stört der Atem die Balance stärker als im Stehen. Der Anteil der Atmung am Schwanken war im Sitzen fast doppelt so groß (Bouisset 1994). Reiten ist Sitzen auf einer Unterlage, die sich bewegt.
Ein bewegliches Becken schlägt starre Balance. Bei 20 erfahrenen Reitern hing die Reitqualität damit zusammen, wie gut sie ihr Becken auf dem Gymnastikball aktiv bewegen konnten, nicht mit statischem Balancieren. Die Pferde der Reiter mit beweglichem Becken zeigten deutlich weniger Konfliktverhalten (Uldahl 2021).
Atem und Bewegung sind gekoppelt. Willkürliche Bewegungen starten häufiger in der Ausatmung (Park 2020). Reaktionen sind am schnellsten auf dem Höhepunkt der Einatmung und in der frühen Ausatmung (Saltafossi 2025). Und dein Pferd koppelt im Galopp einen Atemzug an einen Sprung (Bramble und Carrier 1983).
Zu viel Atmen kostet Blickkontrolle. Wer stark abatmet, senkt sein CO2. In einer Studie mit 13 Erwachsenen machten die Augen danach weniger Blicksprünge, und bewusste Blicke in die Gegenrichtung eines Reizes kamen später (Yoshimura 2026). Für dich im Sattel leite ich daraus ab: Hektisches Atmen kann dir das stabile Bild nehmen, das du für deine Balance brauchst. Eine Reitstudie dazu gibt es noch nicht.
Vielleicht hast du gehört, Einatmen aktiviere die Strecker und Ausatmen die Beuger, gesteuert von bestimmten Zentren im Hirnstamm. Diese Zuordnung ist nicht belegt.
Belegt ist: Den Atemtakt erzeugt ein kleines Netzwerk in der Medulla, der Prä-Bötzinger-Komplex (Smith 1991, an Ratten gezeigt). Ein Kern in der Pons, der Kölliker-Fuse-Kern, schaltet von Ein- auf Ausatmung um (Dutschmann 2020). Atem und Bewegung sind gekoppelt, aber nicht nach einem festen Schema. Und Atmung endet nicht im Hirnstamm: Bewusstes Atmen und Aufmerksamkeit auf den Atem verändern die Aktivität in Großhirn und Insula (Herrero 2018).
Deshalb gilt bei uns: Welcher Atem dir hilft, zeigt der Retest.
Der Klassiker im Reitunterricht: „Atme mal tief durch!“ Viele holen dann mehrmals hintereinander groß Luft und atmen damit zu viel. In einer Studie mit 46 Personen senkte langsames Atmen ohne Anleitung das CO2 deutlich. Kam der Satz dazu, nicht zu tief und natürlich zu atmen, fiel das CO2 nur noch etwa halb so stark, und die Beschwerden durch Abatmen gingen zurück (Szulczewski 2019).
Langsam atmen heißt nicht tief atmen. Für den Sattel heißt das: leise weiteratmen statt groß Luft holen.
Du brauchst einen Stuhl oder einen Gymnastikball und fünf Minuten. Das Prinzip kennst du vielleicht schon: Du misst vorher, machst einen einzigen Drill und misst nachher noch einmal.
Der Check (vorher): Setz dich auf die vordere Kante eines Stuhls oder auf einen Gymnastikball, die Füße hüftbreit. Roll dein Becken zehnmal langsam von rechts nach links, als würdest du dein Gewicht von einem Sitzbeinhöcker auf den anderen schieben. Achte auf drei Dinge: Wie rund läuft die Bewegung? Ist eine Seite zäher? Hältst du dabei die Luft an? Gib der Leichtigkeit eine Zahl von 0 bis 10.
Jetzt wählst du einen der drei Drills.
Drill 1, im Takt weiteratmen: Roll das Becken weiter von Seite zu Seite. Atme durch die Nase ein über zwei Rollbewegungen und aus über zwei bis drei. 60 Sekunden lang. Der Atem läuft unter der Bewegung weiter, ohne Pause und ohne Pressen.
Drill 2, leise atmen: Setz dich aufrecht hin und atme eine Minute lang durch die Nase, so leise, dass dich niemand neben dir hört. Nicht tiefer als sonst, eher ein wenig weniger. Ein leichtes Gefühl, mehr Luft zu wollen, ist in Ordnung.
Drill 3, den Startzeitpunkt finden: Steh fünfmal vom Stuhl auf und setz dich wieder, jedes Mal mit dem Start am Anfang der Ausatmung. Dann fünfmal mit dem Start in der Einatmung. Wann geht es leichter?
Nachprüfen: Mach den Check noch einmal. Dein Ergebnis ist eines von dreien. Leichter oder runder: Dieser Drill ist gerade deiner, behalte ihn. Gleich: Er bringt dir im Moment nichts, probier den nächsten. Zäher: Lass ihn weg. Auch das ist eine Information und kein Rückschritt.
Wenn dir schwindlig wird oder Hände und Lippen kribbeln, hast du zu viel geatmet. Hör auf und atme normal weiter. Das ist ein Signal, kein Trainingsziel.
Nimm den Drill, der dich freier gemacht hat, direkt vor dem Aufsitzen mit. Beim Reiten achtest du auf einen einzigen Marker: Hältst du vor schwierigen Lektionen die Luft an? Wenn ja, probier aus, vor der Hilfe leise auszuatmen, statt Luft zu holen. Im Galopp kannst du testen, ob du ruhiger sitzt, wenn du über zwei oder drei Sprünge ausatmest.
Ob es wirkt, sagt dir dein Pferd. Geht es losgelassener? Antwortet es leichter auf deine Hilfe? Das ist dein eigentlicher Retest.
Wenn du unter Belastung schnell außer Atem kommst, Asthma hast oder Druck in der Brust spürst, gehört das ärztlich abgeklärt. Training ersetzt keine Behandlung.
Und wenn dein Pferd im Galopp buckelt oder der Sattel drückt, ist dein festgehaltener Atem eine vernünftige Reaktion. Lass zuerst das klären, mit Tierarzt, Sattler und einem Reitlehrer, dem du vertraust.
Du rufst „Atmen!“, und deine Schülerin holt tief Luft, hält sie an und sitzt danach fester als vorher. Das liegt nicht an ihr. Die Anweisung führt viele Menschen direkt ins Abatmen. Probier stattdessen Anweisungen, die den Atem leise halten: leise ausatmen vor der Hilfe, summen, im Takt zählen. Ob deine Anweisung wirkt, siehst du in Sekunden am Sitz.
Wie du mit Testen und Nachprüfen herausfindest, welcher Reiz bei deinem Reiter gerade wirkt, lernst du in den Neuro-Rider Seminaren.
Was ist Continuous Breathing? Atmen ohne Pause unter Bewegung. Du hältst die Luft nicht an, du presst nicht, und du atmest nicht zu viel. Der Atem läuft im Takt weiter, während du reitest.
Soll ich im Sattel tief einatmen? Meistens nicht. Leise und gleichmäßig weiteratmen hilft mehr als große Atemzüge. Mehrere tiefe Atemzüge hintereinander führen schnell zum Abatmen.
Durch die Nase oder durch den Mund? In ruhiger Arbeit durch die Nase, das hält den Atem leise. Bei hoher Belastung darf der Mund mithelfen.
Muss ich im Takt meines Pferdes atmen? Nein. Dein Pferd koppelt im Galopp einen Atemzug an einen Sprung, du musst das nicht nachmachen. Wichtig ist, dass dein Atem unter der Bewegung weiterläuft. Welcher Rhythmus dir hilft, zeigt der Test.
Kann ich das ohne Pferd üben? Ja. Check und Drills funktionieren auf Stuhl oder Ball. Ob die Veränderung im Sattel ankommt, prüfst du beim nächsten Reiten.
Wenn dir der Atem vor allem im Galopp wegbleibt: Der Trainingsnavigator „Souverän galoppieren“ führt dich mit Bewegungs-Checks durch genau diese Fragen und zeigt dir, welche Drills bei dir wirken. Zum Navigator →